Können Bäume etwa fliegen?

Eichel

Immer wieder kann man beobachten, wie in unseren Wäldern junge Eichen weit entfernt von dem nächsten Früchte tragenden Eichenbestand keimen und aufwachsen. Wie werden die Samen der Stiel- oder Trauben-Eiche, die Eicheln, über große Strecken transportiert? Wenn die Bäume schon nicht selbst laufen oder fliegen können, haben sie vielleicht Helfer im Wald?

Hier kommt ein kleiner und unfreiwilliger "Förster" ins Spiel - der Eichelhäher. Diese Rabenvogelart ist bei uns in den Wälder weit verbreitet. Eichelhäher bleiben das ganze Jahr bei uns und sorgen im Herbst für die Winterzeit vor, indem sie insbesondere Eicheln, aber auch Bucheckern sammeln und in Spalten, Löchern und Ritzen am Waldboden verstecken. Nach Zählungen und Schätzungen versteckt ein Eichelhäher während einer ca. dreiwöchigen Sammelphase im Herbst im Durchschnitt ca. 5.000 Eicheln. Dabei fliegt er ca. 20 - 22mal pro Sammeltag mit jeweils 10 - 12 Eicheln im Schlund und im Schnabel immer unterschiedliche Verstecke an.

Die Eicheln werden dann meistens einzeln unter Moos und Laub sorgfältig versteckt. Sie dienen im Winter für die erwachsenen Tiere, aber oft auch noch im folgenden Frühjahr für die Nestlinge als Nahrungsgrundlage.

Eichelhäher erbringen eine nahezu perfekte Gedächtnisleistung. Die allermeisten Eicheln werden tatsächlich gefunden und gefressen. Man schätzt, dass durchschnittlich ein Viertel bis ein Fünftel der Eicheln aber nicht gefressen wird. Diese haben dann die Chance, im Folgejahr zu keimen. Man spricht dann von der sog. Hähersaat.

Welche Bedeutung die Hähersaat für unsere Wälder hat, zeigt folgendes Rechenbeispiel: Bei einer in Westfalen nachgewiesenen durchschnittlichen Reviergröße von 10 - 15 ha leben im Suchraum für den Nationalpark mindestens 500 Eichelhäher-Brutpaare, also 1.000 Individuen. Wenn jeder dieser fleißigen Förster nur 10 % seines versteckten Eichelvorrates nicht wieder findet, können 500.000 Eicheln keimen. Diese Zahl würde theoretisch für die Aufforstung von mindestens 500 ha Eichenwald pro Jahr reichen.

Die Eichen haben also schon lange bevor der Mensch mit dem Pflanzen von Bäumen angefangen hat eine überaus effektive Partnerschaft mit dem "kleinen Förster" angefangen: Nahrung gegen Samenverbreitung.

 

Eichelhäher und Eichenlaub